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Alkoholfreies Bier: kurzfristiger Trend oder langfristige Realität?

Vom Durstlöscher bis zum Sportgetränk: Alkoholfreies Bier hat sein Nischendasein längst verlassen. Zwei Fachleute ordnen den Trend ein.

Alkoholfreies Bier boomt – doch was braucht es, damit es wirklich schmeckt? Und wer trinkt es? Biersommelière Madlaina Galli und Benjamin Kloos, RAMSEIER Suisse Produktionsleiter in Hochdorf (LU) und Bierbrauer, geben Auskunft.


Trinken Sie alkoholfreies Bier?
Madlaina Galli: An heissen Sommertagen sehr gerne. Es ist ein wunderbarer Durstlöscher.
Benjamin Kloos: Auch ich mag alkoholfreies Bier. Und das Gute daran ist, man kann es auch schon am Nachmittag geniessen. Oder gar zum Mittagessen: Da wir seit dem Frühling in Hochdorf (LU) selbst alkoholfreies Bier brauen, gönne ich mir dort ab und zu eins davon in der Kantine.

Auf was kommt es an, damit alkoholfreies Bier schmeckt?
Madlaina Galli: Die Qualität hat sich in den letzten Jahren enorm entwickelt. Es freut mich, dass es mittlerweile von verschiede-nen Bierstilen alkoholfreie Varianten gibt, ob Lager hell, Stout oder Weissbier. Bei einigen merkt man gar nicht mehr, dass sie alkoholfrei sind.
Benjamin Kloos: Genau. Ein alkoholfreies Bier muss geschmacklich mit einem alkoholhaltigen mithalten können. Wichtig ist eine ausgewogene Balance: Die Süsse des Malzkörpers muss mit der Bitterkeit des Hopfens harmonisieren. Insbesondere beim alkoholfreien Lager, das wir hier in Hochdorf herstellen, ist das entscheidend.
 

Madlaina Galli ist eine der ersten Biersommelièren der Schweiz.
« Die Qualität und der Trinkgenuss haben sich in den letzten Jahren enorm entwickelt. »

Wie entsteht alkoholfreies Bier?
Benjamin Kloos: Der Brauprozess startet wie bei jedem Bier. Zum alkoholfreien Bier führen dann zwei Wege: Entweder wird das fertige Bier am Schluss ent­alkoholisiert, oder – wie bei uns – die Gärung der Hefe wird von Anfang an gebremst, dann ge-stoppt. Dafür lassen wir die Hefe bei tiefen Temperaturen (1 – 3 °C) ohne Sauerstoff langsam arbeiten und filtern sie nach wenigen Tagen mit einem Separator – einer Art Zentrifuge – heraus. So stoppen wir den Prozess unterhalb von 0,5 % Alkohol. Da nun der Alkohol als natürlicher Schutz gegen Mikroorganismen fehlt, erhitzen wir das Bier nach dem Abfüllen schonend im Tunnel-pasteur. Separator und Tunnelpasteur können wir auch für die Herstellung anderer Getränke nutzen. Das macht diese Methode besonders praktisch für uns.

Welches sind die grössten Herausforderungen bei der Produktion von alkoholfreiem Bier?
Madlaina Galli: Alkohol ist ein Geschmacksträger. Wenn er fehlt, gilt es in der Rezepturentwicklung genau abzuwägen, wie man ein stimmiges Gesamterlebnis erreicht. Da haben Braumeisterinnen und -meister sicherlich ihre Tricks.
Benjamin Kloos: Natürlich (lacht). Ich habe Ende 2024 die ersten Brauversuche für das alkoholfreie Bier der 
RAMSEIER Suisse unternommen, verschiedene Malz- und Hopfensorten getestet. Nun mischen wir ein etwas dunkleres Malz bei. So erhalten wir eine schöne Bierfarbe und etwas mehr Körper. 
 

Benjamin Kloos, RAMSEIER Suisse Produktionsleiter in Hochdorf und Bierbrauer.
« Es ist zu erwarten, dass der Trend zu alkoholfreien Bieren in den kommenden Jahren anhält. »

Wie entwickelt sich die Nachfrage nach alkoholfreiem Bier?
Madlaina Galli: Den Lebenswandel, sich bewusster und gesunder zu ernähren, sehen wir in den Zahlen: Laut Schweizer Brauerei-Verband legten alkoholfreie Biere im Braujahr 2024 / 25 um 13 % zu, während alkoholhaltige um 3 % zurückgingen. Seit einiger Zeit wird alkoholfreies Bier auch an Sportevents vermarktet. Bier ist isotonisch, es enthält Elektrolyte wie Magnesium, Natrium, Kalium und Chlorid und ist ohne Alkohol bei Sportlern sehr gefragt. 
Benjamin Kloos: Damit sprechen Brauereien heute Personen an, die zuvor keine Biertrinker waren. Zudem ist die Produktion von alkoholfreiem Bier kein Phänomen von grossen Brauereien. Auch Mikrobrauereien führen sie im Sortiment. Dieser Trend wird weiter anhalten.
Madlaina Galli: Und gerade solche alkoholfreien Biere sind besonders 
spannend: Craft-Brauereien können experimentieren, weil sie nicht den Geschmack einer breiten Masse bedienen müssen. So entstehen Produkte, die weniger als Durstlöscher dienen, sondern eine genussvolle Alternative sind – zum Beispiel als Essensbegleitung.

Madlaina Galli, wie schmeckt Ihnen denn nun das alkoholfreie Bier der RAMSEIER Suisse?
Madlaina Galli: Ich bin begeistert! Bislang mochte ich vor allem alkoholfreie Biere, denen nachträglich der Alkohol entzogen wurde. Viele Biere mit Gärstopper sind mir zu süss – logisch, denn bei dieser Methode kann die Hefe den Malzzucker nicht vollständig abbauen, und das Bier behält mehr natürliche Restsüsse. Das Bier aus Hochdorf ist jedoch ausgewogen. Es ist nicht zu süss, sondern angenehm bitter. Genau das sorgt für eine hohe «Drinkability». Das heisst: Die Freude und Lust auf den nächsten Schluck sind da. Auch das Aroma ist mild, die Getreidenoten sind nicht aufdringlich. Es ist nicht nur ein Durstlöscher, sondern ein wahrer Genuss. Prost!
 

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